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Zeitreise

Das Bild zeigt den Ausschnitt eines gravierten Zifferblattes einer antiken Standuhr mit Stunden und Minuten. Darüber goldenen und silberne Ornamente und eine Gravurplatte
Meine Zeit 

(Kurzgeschichte oder eine fiktive Zeitreise)

Der Raum war erfüllt vom Schwirren und Surren hunderter großer und kleiner Uhren.
Überall an den Wänden hingen und standen Uhren unterschiedlichster Art, Form und Größe. 
Wanduhren, Standuhren, Kuckucksuhren, Tischuhren und Wecker. 
An einer Seite gab es auch ein Regal, das gefüllt war mit Taschenuhren und verschiedenen
Armbanduhren. Einige der Armbanduhren wurden sogar mittels einer speziellen Apparatur
langsam hin und her bewegt, um damit ein menschliches Handgelenk zu simulieren und
ihr selbstaufziehendes Uhrwerk lebendig zu halten.

Inmitten des kleinen, fensterlosen Raumes voller Uhren saß eine schmächtige Gestalt. Ihr
Gesicht war von feinen Fältchen überzogen wie Krepppapier und eines der wässrigen
blauen Augen verbarg sich hinter einem Okular, dass mit zusammengekniffener
Augenbraue festgeklemmt war. 

Es war der alte Iota. Er saß an seinem antistatisch laminierten Uhrmachertisch, 
dessen Spezialauflage im traditionellen Grünton gehalten war. In der Mitte und dort, 
wo seine Ellenbogen sich gerne abstützten, hatte der Tisch im Laufe vieler Berufsjahre 
schon eine dunkle Patina bekommen. 

Als junger Mann hatte Iota eine Lehre als Uhrmacher gemacht. Uhren wurden sein Lebensinhalt, 
die Zeit wurde seine Arbeitgeberin. 

Nun war er schon an die 90 Jahre alt, war entsprechend an Körpergröße geschrumpft, 
hatte eine vornübergebeugte Gestalt mit leichtem Buckel von der sitzenden Arbeitshaltung 
und weißes Haar mit einem gelben Stich.

Die Zeit als Arbeitgeberin hatte es immer gut mit ihm gemeint und ihm viele Aufträge
beschert, denn die Menschen waren ganz versessen darauf zu wissen, wie spät es war.
Sie hatten ihren gesamten Lebenswandel so eingerichtet, dass es einen einfachen
archaischen Tagesablauf nach dem Sonnenstand unmöglich machte. Ja so manch einer
wurde Dank der erreichbaren Sekundengenauigkeit geradezu fanatischer Pünktlichkeitsapostel. 

Iota hatte den Menschen also viele Jahrzehnte lang ihre lieb gewonnenen Uhren repariert 
und zum Erhalt der exakten Zeitmessung anderer gearbeitet.
Nun fühlte er, dass es erstmals allein um seine eigene Zeit ging. 

Iota spürte plötzlich, wie sie zerrann, wie jeder Tag und jede Stunde mit dem Altern schneller 
und schneller verflogen, auch wenn die Zeit noch so akkurat und unveränderlich in Stunden, Minuten
und Sekunden getaktet verlief wie immer. 

Je schneller die Zeit für ihn dabei lief, umso langsamer wurde jedoch er selbst. 
Jahr um Jahr wurde er gemächlicher durch den Alterungsprozess, sodass es ihm durch die Diskrepanz 
erschien, als ob die Zeit ihm in Riesenschritten davonlaufen wollte. 

Seine innere Uhr schien sich nicht an die gängigen Gesetze halten zu wollen, raste davon und 
bezog völlig irrationale Gefühle als Berechnungsparameter mit ein. Dass Emotionen die Zeit direkt 
beeinflussten, war ihm schon sehr früh aufgefallen, er hatte sich jedoch nicht allzu viel daraus gemacht. 

Die „gefühlte Uhrzeit“ war Mumpitz gegen mathematische Perfektion. 
War dies trügerische Zeitgefühl doch mit ein Grund, warum es einer korrekten Berechnung und
wissenschaftlichen Zeitmessung bedurfte, die alles gleichschaltete. 

Doch nun spürte er, wie seine Zeit mit jeder tickenden Sekunde ein bisschen weniger wurde. 
Das Summen und Klicken der Uhren in dem beengten Zimmerchen schwoll lauter an, während seine
Zeit hinforttickte. „Meine Zeit!“, dachte Iota laut. 

Wie war seine Zeit als junger Mann
damals in London auf Wanderschaft, als frisch aus der Lehre freigesprochener Geselle, schön gewesen. 

Iota war damals kurzfristig bei einem Antiquitätenhändler mit einem großen Sortiment an Uhren in London, 
der Metropole an der Themse, untergekommen.
Dort sollte er unverhofft für viele Jahrzehnte bleiben, denn die Liebe zu einer jungen Londonerin hatte ihn 
überwältigt und ihn an die Geliebte sowie diese Stadt gebunden. 

Er war im siebten Himmel, als sie ihr Glück amtlich besiegelten. 
Gerne dachte er immer wieder an die vielen gemeinsamen Jahre und Erlebnisse zurück, denn seine Frau hatte
sein hohes Alter nicht erreichen können. 

Aber in besagtem Antiquitätenhandel war er bis zur Rente angestellt geblieben. 
Dadurch konnte er Zeuge einer neuartigen Technologie für Tonaufnahmen werden, als etwa im Jahre 1969 der 
Azimuth Co-ordinator erschaffen wurde. Ein Vorreiter des Surround Sound, dessen Name eine Anspielung 
auf den Astronomischen Begriff für die Blickrichtung von einer bestimmten 
Koordinate an die Himmelskugel darstellte: das Azimut. 

Mit der Aufnahme-Methode des Azimuth Co-ordinator, ließ sich ein räumlicher Klang erzeugen, der durch vier
unterschiedliche Lautsprecher wiedergegeben werden konnte und so die Illusion erzeugte,
man befände sich mittig in einem dreidimensionalen Echtzeitklangfeld und nicht in einer Tonaufnahme. 

Eines Tages wurde mit dem Azimuth-Co-ordinator das gleichzeitige Läuten und Klingeln aller Uhren für eine 
experimentelle Musikgruppe aufgenommen; und zwar genau in ebendiesem Antiquitätengeschäft, wobei Iota 
tatkräftig als Angestellter mithalf. 

Er hatte die Aufgabe, die Uhren unermüdlich immer wieder von Neuem zu stellen, sodass sie wahlweise die 
volle Stunde schellend anzeigten oder den Weckruf ertönen liessen. 

Das war komplizierter als gedacht, denn dabei musste er einen winzigen Zeitversatz einbauen,
während er von Uhr zu Uhr eilte, damit sie alle zeitgleich in einer wahren Symphonie explodieren konnten. 
Das war eine sehr aufwendige Arbeit, bei der Schnelligkeit und Genauigkeit gefordert waren. 
Erst spät Abends waren die Aufnahmen perfekt. 

Die Musikgruppe, die dies veranlasst hatte, war geradezu spezialisiert darauf, Klangwelten
erschaffen zu wollen, die es bisher so noch nicht gab. Und das gelang ihnen auch hier Dank Iotas Hilfe. 
Iota, der eher wenig Zugang zu dieser Musik finden konnte, nannte sie psychedelische Opern 
für Tonband, Vinyl und Leinwand. Man munkelte, dass deren Erlebnis durch Teile der Fangemeinde 
noch mit bewusstseinserweiternden Rauschmitteln vervollkommnet wurde. 

Die erste Azimuth-Maschine war eine kleine Sensation und ging sogar mit auf Tournee, wo sie jedoch 
während eines Auftritts gestohlen wurde. Der Nachbau landetet später in einem Londoner Museum. 

Noch Jahre später sollte Iota meinen, dieses ihm so wohl vertraute, lautstarke Uhrenensemble, 
das er damals für die Aufnahmen nahezu wie ein Dirigent erschaffen hatte, in dem Song „Time“ von Pink Floyd
wiederzuerkennen, wann immer es im Radio gespielt wurde. 
Er schmunzelte bei diesem Rückblick. 
Ja, lange war das her und heute schrieb man schon das Jahr 1999. 

Doch kaum wieder etabliert im Hier und Jetzt wurde ihm klar, dass seine Zeit gekommen war, denn ein
dumpfer Schmerz durchfuhr sein Herz jäh. 
Er griff sich an die stechende Brust und das mit Muskelkraft festgeklemmte Okular fiel ihm aus der Augenhöhle.

Hinter seinem Rücken öffnete sich das lediglich angelehnte Türchen einen Spalt und eine
weiße Perserkatze huschte in den Raum. Sie hielt kurz inne neben Iotas hölzernem Drehstuhl und sprang dann 
in einem lautlosen Satz auf den Werktisch. 
Mit samtigen Schritten nahm sie direkt vor Iota auf der grünen Tischplatte Platz und schaute ihn prüfend
aus gelben Augen an. 

In dem ganzen Raum war seitdem die Katze mit ihrem bodenlangen Fell hereingeschwebt war, kein einziges 
Geräusch zu vernehmen gewesen. 
Kein Ticken, Summen oder Läuten, denn alle Uhren standen still. 

Die Zeit war stehengeblieben, der alte Iota hatte seine Zeit mit sich genommen. 
Unwiederbringlich war sie mitsamt seiner Erinnerung hinfort. 

Und das Kuriose war, dass kein anderer Uhrmacher es je mehr schaffte, die Uhren aus Iotas Raum zu reparieren.

Nur wenige Wochen später entdeckte ein Wissenschaftler beim Sternbild Pendeluhr (Lat.: Horlogium) 
im Sonnensystem des von der Erde 56 Lichtjahre entfernten Gelben Zwergsterns HR810, 
der den Namen Iota Horlogii trägt, einen neuen Exoplaneten.


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Geschrieben von Annika Bartelt, 12.08.2022

Bild: Zifferblatt der Pendeluhr im Elternhaus, gravierte römische Ziffern und arabische Zahlen, gravierte Namensplatte aus Zinn, Ornamente aus Zinn und Messing, Korpus Holz, dreiteilig, France 19. Mars 1794.  
Diese Uhr war ein Kauf von dem uralten, befreundeten Uhrmacher Jura Elfims Ogly, der von der Tschuktschen-Halbinsel (Chukchi Peninsula) in der Beringsee, stammte.
Ihm ist die Geschichte gewidmet.
Foto: Annika Bartelt
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